Der Angsthase läuft am Ende noch vor seinem eigenen Schatten
davon. Aber der
Doppelgänger hängt ihm an, da kann er Haken schlagen soviel er will.
Wir sehen
die beiden übers Feld hecheln, manchmal reißt eins ab vom anderen,
die Schere
zwischen den Silhouetten öffnet sich und schließt sich gleich wieder,
sie schnappt
wie Ober- und Unterkiefer ein und desselben Mundes - wonach? Die Szene wird
ein Schattenspiel. Ein Schauspiel. Nicht ein Hase ist auf der Flucht, sondern
ein
oder zwei Zeichen, ein Buchstabe und sein Spiegelbild, hüpfen zwischen
den
Zeilen herum. Der Leser nimmt sie ins Visier. Die Büchse ist gespannt.
Natürlich
will er den Hasen treffen, nicht den Schatten. Zwischen Berg und tiefem, tiefem
Tal. Die Zeichen deuten heißt: sie zur Strecke bringen. Der Angsthase
läuft vor
seinem eigenen Schatten davon, aber dem Jäger ist der innere Zwiespalt
des
Hasen herzlich egal, er denkt an den Braten. Einem Schatten kann man das Fell
nicht über die Ohren ziehen. - Wie wird der Hase den Schatten los? Er denkt
womöglich an Verkaufen, wie Peter Schlemihl seinen Schatten verkaufte.
Der
Jäger denkt, wenn der Hase sich nicht mehr rührt und der Schatten
sich unter ihm
verkriecht, dann hat der Schuß gesessen, dann ist der Hase tot. Der Zeichendeuter
kann das Zeichen in die Pfanne hauen, würzen und braten, er kann ein Bein
heraus drehen und es abnagen bis auf den Knochen. Guten Appetit.
Vielleicht war der Hase gar kein Angsthase, vielleicht spielte er nur mit seinem
Schatten - aber das ist spätestens jetzt auch egal.
Doch weil wir einmal das Wort Spiel gebraucht haben ... kommen wir nun zur
Kunst, die den Schuß ins Leere gehen läßt und den Hasen, der
noch einmal von
der Schippe gesprungen sein darf, am Laufen hält.
Dafür hält sie, die Kunst, den Jäger bisweilen an den Läufen
- nicht denen seiner
Flinte, sondern ganz praktisch: an den Hinterbeinen - in die Höhe. Doch
sollte
man daraus nicht vorschnell schließen, die Kunst sei von Natur aus immer
auf der
Seite der Hasen. - Als ich den Künstler Jürgen Höritzsch Mitte
der 80er Jahre
kennenlernte, fiel er mir vor allem als origineller Zeichner und Grafiker auf,
obwohl auch damals schon einiges an Malerei entstanden war. In ziemlich
aggressiver Manier, die von beschwichtigenden Gemütern, zu denen auch ich
gelegentlich zähle, gerne "skurril" genannt wurde, brachte er
allerlei Szenen aus
dem Milieu der Förster und Wildsäue, Herzensdiebe und radfahrenden
Haifische,
wenn ich mich all dessen recht entsinne, zu Papier. Freikugelgießer, die,
wie es
schien, bloß deshalb rudelweise auf die Pirsch nach dem Hirsch gingen,
um sich
gegenseitig hinterrücks die Hörner aufzusetzen. Zielwassertrinker
beim Absingen
von Hymnen in Jägerlatein, befangene Waldschrate und frivole Fangeisen,
Borkenkäfer in Lodenmänteln - das alles ist im Chemnitzer (ehedem
Karl-Marx-
Städter) Vorland des Erzgebirges natürlich kein Gleichnis, sondern
schiere
Realität. Man findet dergleichen auch heute noch (oder gerade heute) beinahe
täglich in den Gehölzen zwischen Ortseingangs- und Ortsausgangsschild.
Anfang der 90er Jahre wurden die Figurationen allmählich immer abstrakter.
Die
seltsame, mitunter an Zeichnungen von Georg Grosz erinnernde Population, die
Höritzschs frühere Bilder bevölkert hatte, wuchs an, reduzierte
sich aber immer
mehr auf graphische Kürzel, so daß am Ende ein schieres Insektengewimmel
erschien.
An die Stelle überschaubarer Genreszenen traten Bildstreifen, aus denen
sich zuerst so etwas wie erzählerische Strukturen (Zeile, Schriftblock,
Tafel,
Comics etc.) entwickelten, später löste sich der Künstler davon
und begann mit
Zeichen zu arbeiten, bis schließlich die Figur wieder auf die Leinwand,
die
Druckplatte, das Papier zurückkehrte.
Die Malerei von Jürgen Höritzsch ist unverkennbar von der druckgraphischen
Erfahrung geprägt. Bevor noch die Frage, wie das gemacht ist, auftaucht,
nimmt
der Betrachter wahr, daß diese Bilder allesamt von der Spannung zwischen
einer
oder mehreren zentralen Figuren und einem sehr sparsam gestalteten Hintergrund,
besser wäre wohl: Untergrund, leben. Meist ist letzterer monochrom oder
doch
aus wenigen monochromen Flächen konstruiert, sehr selten in einer bestimmten
Räumlichkeit. Die Figuren (oder Zeichen) stehen wie Wappen auf einer Fahne,
wie Tiere im Schnee, Kosmonauten im All oder Stempel auf dem Papier. In ihrem
Inneren tut sich was, äußerlich tut sich wenig. Freilich, sie haben
eine
Ausstrahlung, auf die sie voll und ganz vertrauen.
Technisch haben wir es nicht eigentlich mit Malerei zu tun, sondern mit einer
Mischtechnik, in deren Zentrum die Collage steht. Mittels Gummi Arabicum
applizierte Formen aus transparenten Papieren, die oft schon mit
Binnenzeichnungen versehen sind, werden nach dem Auftragen noch weiter
bearbeitet. Gelegentlich wird dann auch der Hintergrund noch korrigiert.
Ich erkenne auf den Gemälden von Jürgen Höritzsch, was beim Deuten
von
Wirklichkeit als Zeichen verlorengeht: deren Unschärfe und deren Eigenleben
-
also: die "Aura" und das "Gerippe", das durchscheint. Wie
bei Larve, Fötus,
Mumie oder Röntgenbild. Aber auch das ist nur eine mögliche Deutung
(bzw.
Andeutung) und nur ein Teil der Wahrheit.
Die Arbeit mit spiegelbildlichen oder anders kongruenten Formen läßt
wieder an
die Herkunft der Tafelbilder von der Druckgraphik denken, an den Umdruck oder
entfernt an sogenannte Klecksographien, wobei es Jürgen Höritzsch
immer um
eine ungenaue Spiegelung, um eine deutliche Verschiebung der Akzente, eine
andere Interpretation oder wenigstens um einen Riß in der Symmetrie zu
gehen
scheint. Das Klonexperiment hat hier schon von Anfang an scheitern sollen.
Damit sind die Gemälde auch eine Lektion zum Thema Abbildung überhaupt.
Für Jürgen Höritzsch, der als ein lange und gründlich alles,
was er anpackt,
planender und nachdenklicher Künstler bekannt ist, sind seine Bildtitel
ein
wichtiger Bestandteil des Kunstwerks. Oft fungieren sie als eine Art Schlüssel
zum Bild, wenngleich sie es selbstverständlich nur für einen Zugang
öffnen und
niemals ganz ausdeuten wollen.
Verlegenheitstitel ä la "Große Figur auf rotem Grund" oder
"o. T." gibt es bei
Höritzsch kaum. Andererseits wird man nicht erwarten dürfen, daß
der Künstler
die Mehrdeutigkeit und das oftmals Rätselhafte, das seinen Arbeiten ihren
Charme, ihren Reiz und ihre Weisheit gibt, zugunsten sogenannter klarer
Aussagen zurücknimmt. Man wird nicht fehlgehen, stets eine im Grund ironische
Haltung zu unterstellen, auch oder gerade dort, wo ernste Themen angeschnitten
sind (wie etwa im Gemälde "Jesus schlägt zurück") oder
beschauliche, allenfalls
melancholische Stimmungen zu herrschen scheinen ("Maria mit Katze",
"Abschied und Wiederkehr"). Diese Haltung ist aber zugleich auch die
eines
Moralisten, der an die Nützlichkeit von Denkanstößen glaubt.
Bemerkenswert, daß dessen am häufigsten ins Bild gesetztes Tierzeichen
der
Hase und nicht der Fuchs ist. Aber wenn man länger hinsieht, schaut es
aus, als
könne sogar der mitunter ganz schön fuchsig werden.
Jürgen Höritzsch ist den Chemnitzern
längst kein Unbekannter mehr: seine
Ausstellung hier. in der Galerie Borsenanger, ist für ihn quasi ein Heimspiel.
Viele von
Ihnen werden noch die Ausstellung des Künstlers vom Herbst 1998 in guter
Erinnerung
haben. Sie werden auch diverse Gruppenausstellungen gesehen haben, die seither
hier
gelaufen sind und in denen immer wieder die Möglichkeit bestand, auch Jürgen
Höritzsch's
Arbeiten zu begegnen. Nun also haben wir Gelegenheit, in einer Personalausstellung
seine neuesten Werke kennenzulernen. Sie werden mit Freude Bekanntes wiederfinden
und mit Erstaunen Neugewonnenes hinzu entdecken.
Als ich den Künstler vergangene Woche in seinem Atelier besucht habe, war
ich
fasziniert von der Leuchtkraft der subtilen Blauwerte, die - für mich in
diesem Umfang neu
und überraschend - nun in Korrespondenz getreten sind zu den warmen Braun-
und
Ockertönen, für die Jürgen Höritzsch bekannt ist. Das Blau
ist wie eine Abkühlung seiner
erdwarmen Kompositionen, die Wachstum. Gedeihen, Fruchtbarkeit assoziieren,
aber
auch Verfall und Tod. Es ist nicht die Welt, aber es sind ihre Gesetze, denen
sich Jürgen
Höritzsch verschrieben hat. Wie Skeletten. Larven, Amöben begegnen
wir Formen auf
seinen Bildern, die an noch nicht voll Entwickeltes denken lassen, oder an nicht
mehr voll
Intaktes. Dopplungen, Spiegelungen, konträre Formpaare rufen latente Erinnerungen
wach. Im Zusammenkrümmen und Vorwärtsschnellen, im Schweben oder Abstürzen
seiner Bildformen werden sie angesprochen. Nicht zuletzt ist es das Material
dieser Bilder,
die transparenten Gründe, das Farbspektrum zwischen Schwarz, Braun, lichten
Gelb- und
zarten Rosatönen, poröse, schrundige Texturen auf emailartigen Flächen,
das die
belebte, organische Welt repräsentiert. Seit einigen Jahren bereits sind
zu den
bräunlichen, rötlichen Grundfarben seiner Bilder zarte Blautöne
hinzugetreten und der
Künstler hat seine Palette kontinuierlich erweitert. Seine Arbeiten wirkten
nie unbelebt und
konstruiert, im Gegenteil war es immer das Leben in den Zuständen von Werden.
Sein
und Vergehen, an das seine fossilen, archaischen Formen gemahnten.
Aber nun ist mit dem starken Blau zu diesem Biomorphen ein ganz Anderes
hinzugetreten: wie die Kristallwelt unwirtlicher Regionen, wie unendliche Femen
und
abstrakte geistige Räume steht das durchsichtige Blau für Unbelebtes,
Prinzipielles. Ich
meine, daß dieses Neue. daß mit dem Blau in den Bildwelten Jürgen
Höritzsch's
aufscheint, wie die andere Seite des Lebens ist. wie die Ferne zum Nahen, das
Kalte zum
Warmen, das Trockene zum Feuchten, und damit seinen Werken eine neue. erweiterte
Dimension verleiht. Zum Animalischen. Belebten seiner Bilder tritt ein Geistiges
hinzu, das
zugleich Intelligenz, Rationalitä,. Mensch-sein meint.
"Jesus schlägt zurück" nennt Jürgen Höritzsch,
durchaus provokativ, seine
Ausstellung. Und thematisiert damit das Menschentypischste am Menschen: seine
Einordnung in ein Gemeinwesen. Eine Einordnung, die nur durch die Akzeptanz
allgemeiner Normen gelingt. Die Nachgeben, Rücksichtnahme, Verzicht verlangt.
Siegmund Freud hatte für diese Instanz, die eine Instanz abstrakter, angeblich
höherer
Werte ist, den Begriff des Über-Ich's eingeführt. Die DDR nannte es
Klassenstandpunkt.
Die Demokratie nennt es Loyalität. Jürgen Höritzsch nennt es
einfach Jesus und meint
damit eine Norm. die dem Einzelnen Selbstverzicht auferlegt. Freud spricht von
Frustration, wenn dieser Selbstverzicht dem Ich zu viel an Lustverzicht abverlangt.
Und er
erkannte in diesem Lustverzicht die Ursache psychosomatischer Störungen.
So schlägt
die Norm, das Über-lch, Jesus zurück.
Tatsächlich sind es immer Zwillingswesen, denen wir auf den Gemälden
Jürgen
Höritzsch's begegnen. Ich und Über-lch? Wo steckt das Es? Wir wollen
Freud und die
Psychoanalyse nicht länger strapazieren und statt dessen den Verstrickungen
nachgehen,
die die zwei Seelen, die, ach, in der Brust eines jeden schlagen, zusammenbinden,
am
Sich-Trennen hindern. Schizophrenie ist kein Ausweg. Die Fesseln sind so lästig
wie
nützlich. Die Balance zwischen Behinderung und Halt muß jeder immer
wieder neu für
sich finden. Jürgen Höritzsch malt die Linien, die zwei konträre
Figuren verbinden und
zugleich trennen, wie knisternde Stromleitungen Entladung ist möglich,
ein "Schlag
zurück", aber auch die Transformation in Energie ist denkbar.
Vielleicht erinnern Sie sich der geheimnisvollen Rezepturen, die Jürgen
Höritzsch
beim Malen einsetzt. Er genießt den Umgang mit dem Material seiner Kunst.
Kein Werk
entsteht wie das andere, jedesmal ist das Verfahren abgewandert, einem neuen
Einfall,
veränderten Methoden geschuldet. Der Künstler verwendet die unterschiedlichsten
Bildgründe: Leinwände, feste Pappen, edle Papiere. Er reserviert hauchzarte
Japanfliesse
mit Gummi Arabicum, bemalt sie mit Tusche, tränkt sie mit Schellack und
zieht sie mit
heißen Bügeleisen auf festere Bildgründe auf. Dadurch Bildträger
und Bildobjekt zu einer
untrennbaren Einheit verschweißend. Gerade das Papier in seiner edelsten
Ausführung:
als reißfestes, zartes Japanpapier läßt die Eigenart des zur
Gestaltung eingesetzten
Materials deutlich hervortreten. Auf der Suche nach dem Wesentlichen hat der
Künstler
seine Mittel reduziert zugunsten einer geistigen Durchdringung und Verdichtung.
Die
Sublimierung der Form ist für ihn identisch mit der Konzentration auf die
Mittel. Das Papier
als Material muß seinen Intensionen weit entgegenkommen, wie sonst wären
die
bemerkenswerten Experimente und Entdeckungen zu erklären, die er während
der
Bearbeitung des Materials Papier macht. Zur Form werden lies. Wie er halbtrockene
Spuren unter scharfem Wasserstrahl auswäscht, mit Spiritus verreibt, zum
Teil wieder
entfernt, in zahllosen Nuancen verdünnt von Braun bis Lachs, das bleibt
sein Geheimnis. -
nicht, weil er Geheimnisse liebt, sondern weil sich diese Verfahren nicht erklären,
geschweige denn wiederholen lassen. Das Blau. diese kühle Farbe der menschlichen
Selbstreflektion. die mit der Modifizierung der Themen im Werk Jürgen Höritzsch's
immer
mehr an Fläche und Intensität hinzugewonnen hat. dieses Blau ist mit
Terpentin
verdünnte Holzdruckfarbe. Wie es die Untergründe tränkt, hier
lasierend aufschimmert,
dort fast pulvrig trocken das Papier versiegelt. So phantastisch die Figuren
seiner Bilder
erscheinen mögen, diese Technik läßt spontane Ergüsse und
nachmalige Korrekturen
nicht zu. Was steht, entstand in einem durchgehenden Werkprozess von erstaunlicher
handwerklicher Souveränität.
Die 8 Papierarbeiten und 11 Gemälde, die unsere Ausstellung zeigt, sind
alle in
den letzten zwei Jahren entstanden. Und nicht nur formal, auch technisch hat
Jürgen
Höritzsch Methoden entwickelt, die seine Werke alte zu Varianten seiner
großen,
übergreifenden Themen machen. Die Titel seiner Werke wählt er übrigens
außerordentlich bedachtsam. Er versteht sie als Assoziationshilfen für
den Betrachter, die
ihm den Einstieg erleichtern sollen und seine Empfindungen und Gedanken auf
Bahnen
einschwingen, die den Intentionen des Künstlers möglichst nahe kommen.
Jürgen Höritzsch, geboren 1958. ist als Künstler Autodidakt.
Beruflich aus der
Elektronikbranche kommend, demonstriert er tagtäglich, was vielen heute
unvereinbar
erscheint: technischen Sachverstand und künstlerisches Gespür, Experimentierfreude
und
Rationalität, Belastbarkeit und Sensibilität. In seinem Atelier arbeitet
er quasi
altmeisterlich wie die Künstler es auch vor hunderten Jahren praktizierten:
nebenan am
Schreibtisch surft er durchs Internet. Ich habe verpaßt. Jürgen Höritzsch
nach Fixsternen
der Kunstgeschichte zu fragen, deren Werk er besonders verehrt oder möglicherweise
sogar Anregungen verdankt. Aber ich könnte mir Max Ernst, den großen
Surrealisten, als
solch einen Anreger denken, - obwohl und gerade weil weder die surreale Methode
des
automatischen malens noch die surreale Figuration Max Ernsts vordergründig
im Werk
Jürgen Höritzsch's präsent ist Im Atelier des Künstlers
hängt das Plakat eines anderen
Großen: Alberto Giacomettis. Wenn Jürgen Höritzsch diesen Klassiker
bewundert - was
ich vermute - dann gilt dies vor altem für die künstlerische Potenz,
mit der die
entmaterialisierten Wesen Giacomettis Wesentliches ausdrücken. Die entkörperlichten
Skelett- und Schattengebilde Jürgen Höritzsch's, obwohl formalästhetisch
ganz anders.
widerspiegeln vielleicht sogar eine innere Nähe: das Bemühen nämlich,
die Oberfläche zu
durchdringen nach inneren, der Welt und dem Leben immanenten Prozessen. Insofern
scheint mir eine Selbstaussage Giacomettis durchaus zutreffend auch für
die Auffassung
Jürgen Höritzsch's und seine Motivation:
"Es hat so etwas wie eine Verschiebung stattgefunden, die Dinge haben nicht
mehr die
selbe Bedeutung für mich. oder vielmehr haben sie sich auf eine andere
Ebene, an einen
anderen Ort verlagert, und auch ich bin nicht mehr ganz derselbe. ... alles
erscheint unter
einem anderen Licht. ... die Zeit ist nicht mehr diesselbe.
... es gibt da noch etwas anderes, aber ich weiß noch nicht genau, was
es für mich
bedeutet."
Soweit Giacometti - vielleicht als Anregung, die Werke Jürgen Höritzsch's
auch unter
diesem Aspekt zu betrachten. Ich wünsche Ihnen anregende Begegnungen mit
den
Bildern Jürgen Höritzsch's und der Ausstellung einen guten Verlauf!
Lassen
Sie mich auf einem Umweg beginnen. Ich führe mich auf wie der
leibhaftige Brehm und möchte zunächst
reden - z. B. das Seepferd, eines der befremdlichsten Viecher, die wir kennen.
Es kommt uns unter die Augen wie ein Buchstabe aus der Buchstabensuppe.
Nur nicht so häufig, nicht so lesbar und auch nicht in Vertretung eines
ganzen
Alphabets gleich. Obwohl... aber dazu später. Zunächst bleiben wir
noch einen
Moment unter Wasser und fragen uns, was hat sich die Natur dabei gedacht,
diese Kreation aus dem Ärmel zu schütteln? (Natürlich wissen
wir, daß die
Natur nicht denkt, aber...) Über die Evolution denken wir uns so einiges.
Wir
haben von Anpassung gehört, von großen und kleinen Fischen, die einen
fressen die ändern, Survival of the fittest etc. - und von Mimikry haben
wir auch
schon einiges gehört. Weil nämlich auch die weniger fitten Viecher
eine
Chance haben wollen - und müssen, denn die Natur ist ein komplexer Betrieb,
der sich keine Monokultur leistet - vermummen sich einige, andere haben
andere Tricks, immer unfaire, aber wirkunsvolle. Bestimmte Insekten sehen
beispielweise aus wie Blätter und laufen, als warn sie vom Winde bewegt,
andere, durchaus schmackhaft, sehen aus wie ungenießbar und wieder andere
klappen große Transparente mit Fratzen in Schockfarben aus, die den Feind
in
die Flucht schlagen. So geht es zu in der Fauna, bloß - auf das Seepferd
trifft
all dies ja nicht zu. Wer von den Feinden dieses Winzlings meint schon; Da
steht ein Pferd auf der Flur, dem wollen wir lieber nicht zu nahe treten, sonst
schlägt es womöglich aus? Niemand. Niemand weiß doch dort, wo
Seepferchen wohnen, mit dem Pferdekopf etwas anzufangen. Außer uns
Menschen, aber wir tun dem nichts zuleide, bemerkt niemand überhaupt die
Ähnlichkeit. Es sieht ja auch gar nicht aus wie ein ganzes Pferd, sondern
bloß
wie die Schachfigur Springer mit nem Haken untendran. Warum? -
Evolutionsgeschichtlich war das Seepferd vermutlich eher dran als das
"richtige" Pferd, aber der Gedanke bringt uns auch nicht weiter. Genauso
wenig
wie der Hinweis auf andere Früchte des Meeres: die Seegurke, gut, sieht
aus
wie ne Gurke, der Seestern wie ein Stern. Die sind aber alle nicht so
prononciert daneben wie das Pferd. - Unser Staunen darüber lebt vom
Anschein, als war dies alles für uns Menschen veranstaltet, nur, damit
einer
eines Tags das ding in die Hand nimmt und sagt: Seepferd. Nur damit unsere
Altvorderen das Viech für degeneriert halten und die Schiffe der Meeresgötter
von Rössern, vierspännig, achtspännig, sechzehnspännig durch
die Wellen
gezogen sich vorstellen konnten. Seekühe gabs ja, und Seeschweine nannte
man die Delphine. Warum also dann nicht auch Seerösser? Die kleinen warn
ja
immerhin schon ein Hinweis. Ein Buchstabe in der Suppe. Klar doch, daß
Neptun sich im Triumphzug nicht von Thunfisch und Makrele ziehen ließ.
In unseren Breiten - und vor allem: auf unserer Höhe über dem Meeresspiegel
- findet man ja eher den Hirschkäfer. Der nun verblüfft auf mehrerlei
Weise:
zum einen trägt er das namensgebende Geweih, zum anderen entpuppt es
sich als zangenartiges, also ganz anders genutztes Werkzeug, drittens ist er
eindeutig ein Käfer und zwar ein besonders dickschädeliger; was beide,
das
Seepferd und den Hirschkäfer verbindet, ist das groteske Äußere,
nicht einfach
ein Auseinanderfallen von Schein und Sein, sondern ein befremdlicher
Überschuß an Schein, der zur Produktion von Sinn, aber von falschem
Sinn,
von, das Paradox trifft es: unsinnigem Sinn, führt. Seepferd und Hirschkäfer
sind begabte Darsteller ohne den geringsten Schimmer, was sie (für uns)
darstellen. Umgekehrt fühlen wir uns mit unserem Wissen, unseren
Vorstellungen und Gefühlen gemeint, obwohl wir nicht im geringsten gemeint
sind. Uns ist das aber bewußt. Alles Zufall, Unwahrheit, Unsinn. Aber
fähig, auf
besonders effektive Weise die Phantasiemaschine hochtourig laufen zu lassen.
Hirschkäfer wie Seepferd sind Buchstaben eines Alphabets des Unbewußten.
Dieses Alphabet dürfte umfangreicher als das chinesische sein. Dauernd
kommen neue Zeichen hinzu. Dennoch wird nichts eindeutig. Im Gegenteil, die
Zahl der Lesarten wächst mit der Länge des Textes, der sich doch um
Genauigkeit bemüht. - Das ist das Geheimnis der Kunst Sie klärt nicht
über
das Unbewußte auf, sondern schafft es erst, sie produziert nicht Bewußtsein,
sondern immer mehr Unbewußtes.
Der Künstler weiß, das die Sinnmacher immer schon unterwegs sind.
Pünktlich wie die Handwerker und sich genauso sicher ihrer Instrumentarien
und Kniffe. Sie wissen, wie man das Entfaltete wieder zusammenfaltet. Alle
Achtung! (Bei Stadtplänen ist das manchmal gar nicht so einfach.) Was sie
nicht wissen, ist, daß Entdecken und Erfinden dasselbe ist. Sie halten
es
immer strikt auseinander. Und sich darauf viel zugute.
Jürgen Höritzsch, von dem hier schon die ganze Zeit unterschwellig
die Rede
geht, "reduziert" eben nicht m. E. "mittels Abstraktion auf das
Wesentliche",
wie es die oft nachgeplapperte Phrase will, die auch meint, über Kunst
etwas
wesentliches zu äußern, sondern Jürgen Höritzschs umgekrempelte
Krustentiere, ausgestülpte Lemuren und galloppierende Landschaften, seine
Verwandlungen von Schale in Kern, Haut in Knochen und umgekehrt, diese
ganzen "verkehrten" Welten und umgepolten Symbole - setzen Gänge
des
Denkens durch Ablenkung, Verzweigung und Verknüpfung fort ins scheinbar
Abwegige; in Wahrheit aber ist der Verstand auf Abwegen, gerade auf
Abwegen, auf der Flucht... unterwegs ins Leben, ins Unabgeschlossene, in die
neue Konstitution.
An die Stelle der alten Alternative Sein oder Schein tritt eine neue: Werden
oder Verschwinden. Der unübersehbare, wenngleich - und das ist wichtig!
-
niemals pathetische, kaum leidende, überhaupt kaum "Gefühl"
im
herkömmlichen Sinn zeigende Vanitas-Beiklang der Bilder spricht für
sich. Er
steht in Korrespondenz mit Genuß am Gewimmel, Freude am Auswuchs und
Mutwillen zur Mutation. Immerzu wird der Faden, nein: werden die Fäden
der
Schöpfung weitergesponnen. In grimmigem Optimismus, mehr oder minder
heiterer
Unrast.
Mitunter mutet Höritzschs mythologischer (oder sollte man sagen: mytho-
alogischer) Blick auf die Welt ein wenig ins Außerirdische entrückt
an. Trotz
alter Erdung in den heimischen Forsten. Brigitta Milde hat auf das Moment des
Ungeborenen im Werk von Jürgen Höritzsch hingewiesen. Man könnte
aus
dem Fenster einer fliegenden Untertasse gelehnt zum besten geben: Eine
Population, die sich dermaßen larvenhaft und kaulquappig imaginiert, kann
einfach noch nicht das letzte Stadium ihrer Entwicklung erreicht haben.
- Soviel zum und im Jahr 2000, Chemnitz den 31. 1..
Den
einhundertjährigen Li Kiau fragte einer seiner Schüler: Woher weiß
der Weise, daß alle Wesen Brüder sind? Jagd doch der Greif den Geparden,
der Gepard den Menschen, der Mensch den Greif.
Er sieht es am Schatten, am Fötus, am Skelett, antwortete der Alte.
Weiter
fragte der Schüler: Aber doch jagt der Greif den Geparden, der Gepard den
Menschen, der Mensch den Greif. So sind sie Feinde!
Der Weise sieht es, antwortete der Alte, am Schatten, am Fötus, am Skelett.
Aber
wieso, fragte der Schüler zum dritten Mal, sieht er am Schatten, am Fötus,
am
Skelett den Beweis und sein Gegenteil?
Sie sind das Wesen der Wesen. Das tiefste De.
Dunkel
wie die altchinesischen Mythen, paradox und philosophisch gibt diese Erzählung
Rätsel auf, vielleicht auch Denkanstöße oder neue Sichten auf
Altbekanntes. Durch drei Kurzgespräche erfahren wir von dem Weisen, daß
er am Schatten, am Fötus, am Skelett der Tiere ihr Wesen erkennt, weil
er an ihnen zugleich das Gegenteil wahrnimmt. Schatten, Fötus und Skelett
sind für ihn sowohl charakteristische Merkmale eines Einzelwesens als auch
etwas allem höheren Leben Gemeinsames.
Mir erscheint die Parabel über die Weisheit des Li Kiau wie eine Interpretation
der Bilder von Jürgen Höritzsch. Denn wie Schatten, Föten, Skelette
bevölkern abstrakte Formen seine Bildwelten, die nicht unbelebt und konstruiert,
sondern fossil und archaisch und sehr anschaulich wirken. Diese biomorphen Formen
bedingen eine Ambivalenz zwischen ganz Konkretem und ganz Allgemeinem. Das Schattenhafte,
Amöbenartige, Skelettierte führt zu einmaligen, nicht austauschbaren
Zeichen und bewegt sich gleichzeitig doch auf einer so allgemeinen Ebene, daß
die Lebensgrundlage jedes Wesens, jedes Tieres angesprochen wird.
Schattenzone
nennt Jürgen Höritzsch seine Ausstellung, die zu eröffnen wir
uns heute hier versammelt haben. Die Mischtechniken auf Leinwand und Papier,
denen wir begegnen, sind alle neueren Datums. Die frühesten der Arbeiten
entstanden vor knapp zwei Jahren, die jüngsten im Verlaufe dieses Sommers.
Wer ältere Werke Jürgen Höritzsch's kennt, wird heute neben Bekanntem sehr viel Neues entdecken. Ich lernte Jürgen Höritzsch 1990 näher kennen, als wir seine Ausstellung in der damaligen Galerie am Markt in Annaberg vorbereiteten. Die Werke dieses nachdenklichen, wohlüberlegenden Künstlers überraschten mich durch ihre skurrile, surreale Figuration. Über seine Bilder und Grafiken krabbelten und turnten quietschvergnügte oder bitterbös-sarkastische Gnome, von Unterschwelligem, Traumhaftem umgetrieben, ohne tatsächlich automatistisch im Sinne des Surrealismus entstanden zu sein. In den Jahren seither haben diese nervigen, lüsternen scheuen Wesen viel an Äußerlichem verloren. Statt ihrer Bäuche, Kleiderordnungen, Haartrachten begegnen wir nun eher ihrem Kern: ihrem inneren Gerüst, das nicht mehr erzählerische, sondern nur noch formelhafte Gesten erlaubt.
Mit dieser Reduktion auf Skelette, Schatten, auf Urformen, die tatsächlich an Föten, Larven, noch nicht voll Entwickeltes denken lassen, wird eine allgemeinere, auch prinzipiellere Ebene angesprochen. Es ist nicht die Welt, aber es sind ihre Gesetze, die im Zusammenkrümmen und Vorwärtsschnellen, im Schweben oder Abstürzen dieser Schattenformen angesprochen werden. Dopplungen, Spiegelungen oder konträre Formpaare rufen latente Erinnerungen wach. Nicht zuletzt ist es das Material dieser Bilder, die transparenten Gründe, das Farbspektrum zwischen Schwarz, Braun, lichten Gelb- und zarten Rosatönen, poröse, schrundige Texturen auf emailartigen Flächen, das die Welt repräsentiert. Häufig sind zu den bräunlichen, rötlichen Grundfarben zarte Blautöne hinzugetreten; in jüngeren Arbeiten hat der Künstler seine Palette kontinuierlich erweitert.
Jürgen
Höritzsch scheint den Umgang mit dem Material seiner Kunst zu genießen,
wie andere schnelle Autofahrten oder ein üppiges Mahl. Kein Werk entsteht
wie das andere, jedesmal ist das Verfahren abgewandelt, einem neuen Einfall,
veränderten Methoden geschuldet. Der Künstler verwendet die unterschiedlichsten
Bildgründe:
Leinwände, feste Pappen, edle Japanpapiere, die er mit Gummi Arabicum reserviert,
mit Tusche bemalt, mit Schellack tränkt und mit heißen Bügeleisen
aufzieht. Wie er halbtrockene Spuren unter scharfem Wasserstrahl auswäscht,
mit Spiritus verreibt, zum Teil wieder entfernt, in zahllosen Nuancen verdünnt
von Braun bis Lachs, das bleibt sein Geheimnis, - nicht, weil er Geheimnisse
liebt, sondern weil sich diese Verfahren nicht erklären, geschweige denn
wiederholen lassen. So phantastisch die Figuren seiner Bilder erscheinen mögen,
diese Technik läßt spontane Ergüsse und nachmalige Korrekturen
nicht zu. Was steht, entstand in einem durchgehenden Werkprozess.
Daß dieser Künstler die Lithographie und natürlich die Radierung
liebt, muß nicht verwundern. Gestattet doch der Flachdruck, mehr aber
noch der Tiefdruck technische Experimente, die an Alchemistenpraktiken erinnern.
Hier zieht Jürgen Höritzsch erwartungsgemäß alle Register,
radiert kalt und ätzt, verbindet Weichgrundverfahren mit Aussprengungen,
experimentiert nicht nur während der Bearbeitung der Platte, sondern auch
noch während des Drucks. Daß er diesen selbst besorgt, versteht sich.
Seit Jahren hat Jürgen Höritzsch konstant in der Radiertechnik gearbeitet
und die Druckwerkstatt im hiesigen "Kraftwerk" für seine Belange
genutzt. Wie bei allen versierten Radierern gebraucht er die Technik aber so
selbstverständlich, ja, spielerisch, daß letztlich für den Betrachter
Fragen der Herstellung nicht nur nicht nachvollziehbar, sondern auch zweitrangig
werden.
Wie
die Sujets seiner Bilder haben auch ihre Titel über die Jahre alles Erzählerische
abgelegt. Sie entstehen nach Fertigstellung des Kunstwerkes, als Übersetzung
der Intention und als Assoziationshilfe für den Betrachter.
Jürgen Höritzsch, geboren 1958, ist als Künstler Autodidakt.
Beruflich aus der Elektronikbranche kommend, demonstriert er tagtäglich,
was vielen heute unvereinbar erscheint: technischen Sachverstand und künstlerisches
Gespür, Experimentierfreude und Rationalität, Belastbarkeit und Sensibilität.
In seinem Atelier arbeitet er quasi altmeisterlich wie die Künstler es
auch vor hunderten Jahren praktizierten; nebenan am Schreibtisch surft er durchs
Internet. Im Frühjahr 1997 hat er für drei Monate in einem Gastatelier
im Künstlerhaus in Cuxhaven gearbeitet. Zwei Bilder unserer Ausstellung,
die "Brüder" und die Leinwand "Wandlung" sind dort
entstanden.
Li Kiau, der chinesische Weise, war überzeugt, aus den Grundformen des
Lebens, aus Schatten, Skelett und Fötus Einmaliges wie Prinzipielles ableiten
zu können.
Nicht die Lebewesen selbst, sondern ihr vorgeburtliches Stadium, ihre sterblichen
Überreste und ihr Schattenbild sind auch für Jürgen Höritzsch
dafür geeignet. Auch seine Bilder und Grafiken vereinen schwer zu Vereinbarendes:
sie sind so sinnlich wie abstrakt, so direkt wie verschlüsselt und damit
eine anregende Herausforderung, den Polen des Lebens nachzuspüren. Greifen
wir das Angebot dieser Ausstellung auf!