malerei grafik buch

jürgen höritzsch

malerei • grafik • buch


Brigitta Milde zur Eröffnung der Ausstellung "Mysterium" im Gellert-Museum Hainichen
Hans Brinkmann zur Eröffnung der Ausstellung TRANCE in der Stadtgalerie Vilshofen

Auszug aus einer Rede des Chemnitzer Schriftstellers Hans Brinkmann anläßlich der Vorstellung des originalgrafischen Buches LETTERNBRUT in der Galerie Borssenanger,
Chemnitz am 2. Dezember 2009

LETTERNBRUT - das Wort lässt an ein Brüten über den Büchern denken, an strenges Selbststudium, der Text als Ei, der Leser als Huhn und der Ertrag des Ganzen, die so genannten Lesefrüchte, als ein Haufen Küken; das dottergelbe Spektakel, das kennt man ja, mit Eierschalen am Hintern unter der Wärmelampe, so schrill und laut allesamt, das man überhaupt nicht mehr zum Denken kommt ...

Aber Brut ist freilich auch die abfällig bis böse Bezeichnung für meist anderer Leute Kinder, da schwingt Genervtheit mit, gelegentlich auch der schiere Schrecken, wenn man sich etwa den Horrorfilmklassiker "Das Dorf der Verdammten" vergegenwärtigt, in dem die Brut vom anderen "bösen" Planeten stammt, oder, um noch weitere Klassiker zu erwähnen: "Das Omen" oder "Rosemaries Baby" oder, oder ...

Und wenn wir schon mal dabei sind, lässt Brut folgerichtig auch an "brutal" denken. - All das schwingt mit, wenn wir das Buch öffnen, auf dessen Einband ein Warnreflektor zu sehen ist, ein so genanntes "Katzenauge", wie wir's von Fahrrädern und Schultaschen kennen, hier allerdings mit einem Vögelchen drin. Gemütlich ist was anderes.

Und genauso beunruhigend fühlen sich die übrigen Visionen an, die der Künstler in seinen Radierungen heraufbeschwört. Kein Zweifel, wir befinden uns im Reich der Träume. Doch von einer anderen Welt als der unseren handeln sie nur bedingt. Was das Literarische betrifft, so gibt es in diesem Buch zwei Arten von Text: die Schrift im Bild und die Schrift außerhalb des Bildes. Man könnte sagen, das Bild steht bzw. entsteht zwischen den Zeilen. Während die Bildunterschrift von außen her die Vorgänge kommentiert, ja, beinahe nacherzählt, ist das Wort oder sind die Wörter im Bild meist versteckte Botschaften, Schrift an der Wand: Menetekel. Sie tun eine Wahrheit kund, die verborgen ist, untergründig, rätselhaft.

Aber, fragt man sich, welche Wahrheit verraten sie? -Drei martialisch einherstapfende Soldaten zum Beispiel vor dem Schriftzug "Jägermeister" ..., soll das heißen, sie sind auf der Jagd?
Oder nicht mehr nüchtern, was verständlich wäre?
Oder ist der Konflikt, der Ausnahmezustand, in dem sie sich offenbar befinden, ein globaler?

"Jägermeister" immerhin ist eine internationale Marke. Die Mauer mag an die Berliner Mauer erinnern, die Soldaten sind modernere Typen. Und was hat die Tänzerin da oben zu bedeuten; die Verkörperung einer Schnapsidee, in Klammern: der Schnapsidee der Freiheit?
Oder unerreichbares Nüchternsein?
Schlafwandlerische Sicherheit in wackliger Position?
Was will sie mit dem Reifen?

Der Traum kennt keine Scham beim Aussprechen von Wahrheiten, er unterscheidet nicht zwischen tief- und flachsinnigen Antworten, sondern plappert wie ein Kindermund drauf los. Er spricht alles aus, wie es über die Lippe kommt. Deshalb sind ja Träume oft so peinlich, dass man sie lieber für sich behält und schnell vergisst. Peinlich in des Wortes ursprünglicher Bedeutung: schmerzhaft, folternd.

Interessant ist, dass in den Bildunterschriften Kettenwörter zum Einsatz kommen. Titel der Arbeiten ist immer ein einziges aus Einzelbegriffen zusammengesetztes Wort, dessen Verkettungen mehrfach dazu einladen, beim Lesen zurückzuspringen und andere Teile zusammenzuziehen, als der erste Eindruck nahe legt.
Sie heißen etwa: WILDKNABENLUSTGEWINNSUCHTPUDELSKERNKRAFT
oder:
SCHÖNUNDIRGENDWERWOLFSELBDRITT.

Auf diese Art wird natürlich ein gründlicheres, auch anstrengenderes Lesen provoziert und dem Jüngerschen Wegtreten bei der Lektüre, von dem eingangs die Rede war, vorgebaut.
Der hin- und herschweifende Blick auf diese Bandwurmwörter ist außerdem auf Erfassung des Ganzen wie der Einzelheiten gerichtet und somit eher dem Betrachten eines Bildes ähnlich als dem Verfolgen einer linearen Erzählung.
Die Funktion dieser Einworttexte oszilliert zwischen Beschreibung und Kommentar.

Die Grafiken von Jürgen Höritzsch vergegenwärtigen Geschichte, Zeitgeschichte, Erfahrungen vom Alltag und von Zwängen, durch plötzliches Auftauchen unvermuteter Realien in einer sonst konsistenten Erzählung. Plötzlich gibt es einen Riss im Film und kommt etwas - ein Eindringling - aus dem Filmriss gekrochen, läuft ins Bild und ist wieder weg. Oder es bleibt da und stört dauerhaft. Aber auch, wenn es wieder weggeht, hat es doch nachhaltig verstört.

So verdichtet das Auftauchen des Wortes "Mut" im Fluchtpunkt der unterirdischen Palastarchitektur der Moskauer Metro - einem Traumambiente schlechthin - die Erfahrung, dass Mutlosigkeit nicht dort am stärksten ist, wo der Mut auf die Probe gestellt wird, sondern dort, wo man ihm sozusagen Denkmäler errichtet: leere Hallen bzw. leeres Hallen, worin man ihn still stellt, während Motorradfahrer Kraft und eitle Pudel Schönheit im Wohlstand repräsentieren, in Wahrheit jedoch eher Trostlosigkeit ...

Heikel wird die Balance von Höritzschs Bildern durch den Umstand, dass wir nie genau entscheiden können, ob durch das jähe Eindringen des Merkwürdigen ein pseudo-idyllischer Zustand aufgebrochen und eher ungemütlich entlarvt wird oder ob das doch ziemlich öde Ambiente erst auf die Unterbrechung hin seinen Willen zur Idylle entfaltet, ob also die gute alte Zeit, an die man sich gern erinnert, auch eine schreckliche Kehrseite hat oder ob diese Zeit nicht erst vermittelst ihrer erschreckenden Seite heute so gut und so alt und so gern erinnert dastehen kann. Ob der Wille zur Gemütlichkeit nicht Abkehr sondern Resultat des Schrecklichen bedeutet. Wollte man es auf eine Kurzformel bringen, böte sich "Terror und Operette" an.

Aber die Aufgabe der Kunst besteht nicht darin, die Erkenntnisse begrifflich abzuschließen, sondern ihre Inhalte zu entfalten, wie auch der Sinn meiner Rede nicht darin bestehen kann, Bücher zuzuklappen, sondern sie zu öffnen.