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jürgen höritzsch

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Brigitta Milde zur Eröffnung der Ausstellung "Mysterium" im Gellert-Museum Hainichen
Hans Brinkmann zur Eröffnung der Ausstellung TRANCE in der Stadtgalerie Vilshofen

Heim + Welt

Zu den Bildern von Jürgen Höritzsch

Ich weiß nicht, ob Sie die Band Tocotronic mögen – sie ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig und beim ersten Hören nicht sehr sexy, weil sie hinter der Rockmusik ziemlich kluge Gedanken versteckt – Letzteres verbindet sie irgendwie mit Jürgen Höritzschs Kunst – hinter dessen so einfach und klar strukturierten, manchmal an Graffitis erinnernden Bildern auch so etwas wie eine ganze Philosophie steckt – ohne dass sie deshalb ihres ersten, ganz malerischen Eindrucks beraubt würden.

Tocotronic singt in einem ihrer schönsten Lieder zu einer geradezu liebevoll-sanften Melodie:

Die Folter endet nie
Wir werden dennoch siegen
Wir haben kein Gefühl mehr
Wenn wir auf der Streckbank liegen
Und die Band bricht

Eine Lanze für den Widerstand
Ein Tanz für die Ästhetik
Eine Flanke gegen die Gegebenheiten
Und von heute an leben wir ewig

Das ist ein kompliziertes Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart, Ohnmacht und Widerstehen, ist …

Eine Flanke gegen die Gegebenheiten
Und von heute an leben wir ewig

Eine Lanze bricht die große Angst
Wir sind innerlich beschädigt
Eine Flanke gegen den gesunden Menschenverstand
Von heute an leben wir ewig



Der Song hat etwas damit zu tun, dass uns die Schatten – aber auch die vermeintlichen Lichter – der Vergangenheit verfolgen bis in unsere Zukunft hinein, und dass wir uns oft damit abfinden, ohne sie wirklich zu bearbeiten.

Jürgen Höritzsch findet sich mit den Gegebenheiten nicht ab. Er spielt mit einer Ikonographie der Vergangenheit und befragt sie auf ihre Tauglichkeit für die Gegenwart. Und die Bildschnipsel, oft aus den 30er bis 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und gar nicht vordergründig in einen oder eben in keinen neuen Zusammenhang, aber vor einen täuschend einfachen Hintergrund gestellt, diese Muster von damals erweisen sich als geradezu beängstigend tauglich, um Heim und Welt von heute zu beschreiben.

Heim und Welt“ – das klingt nach einer etwas antiquierten Frauenzeitschrift – und es ist auch eine.

Denn es gibt tatsächlich eine 1948 gegründete Frauenzeitschrift, die, zuerst als Tageszeitung, heute noch immer wöchentlich erscheint und neben, so Wikipedia, „Schicksalberichten über ganz normale Menschen“, etwa mit der Überschrift „Tödliches Fieber im Liebesurlaub“, einen der größten erotischen Kontaktanzeigenmärkte enthält.

Heim und Welt – das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen – oder oft auch nicht bewegen, sondern verharren, in den Umständen, in die wir geboren, geraten sind.

Ja, und vielleicht sind auch Jürgen Höritzschs Bilder „Schicksalsberichte ganz normaler Menschen“.

So könnte seine „Piroska“ jene Nina Kosterina sein, die 1937 in ihr Moskauer Tagebuch schrieb: „Etwas Sonderbares und Unbegreifliches hat sich ereignet. Onkel Mischa ist verhaftet worden. Es heißt, Onkel Mischa sei an einer konterrevolutionären Verschwörung beteiligt gewesen… Alle werden vermutlich erschossen.“ Aus Ninas Tagebuch wird in dem grandiosen Buch „Terror und Traum“ von Karl Schlögel zitiert – und „Terror und Traum“ könnte statt „Heim und Welt“ auch über Jürgen Höritzsch´s Bildern stehen, oder „Schall und Wahn“, wie die oben zitierte Tocotronic-Platte heißt.

Jürgen Höritzsch entzaubert die alten Bilder aus einer Zeit, die die unsere mehr geprägt hat, als wir oft wahrhaben wollen – und die uns vielleicht deshalb als die „gute, alte Zeit“ gilt, obwohl sie weder gut war noch vorbei ist.

Denn noch immer wird „Mann gegen Mann“ gekämpft – in einem Boxkampf, der kein Publikum braucht und kein fernsehgerecht inszenierter Spaß ist, kein sportliches Kräftemessen, sondern ein Wettbewerb, an dessen Ende man weiß, wessen Folter nie enden wird und wer weiter foltern darf.

Wenn auch mit subtileren Methoden als im Mittelalter oder in den Zeiten des „Großen Reformators“, der ein großer Diktator ist, aus dessen Bildern früher die Blutstropfen heraus retuschiert wurden und die nicht nur die Mädchenschulen reformiert haben. Vielleicht auch mittels der „Manneszucht“, die den Menschen zum dressierten Affen macht, ganz unähnlich dem tatsächlichen Affen, der einfach nur ein Tier ist, das seinesgleichen leben lässt. Vielleicht auch mit dem „Band der Liebe“ – dem Film, der Macht der Bilder – ein fast hinterlistiger Titel – so wie die Titel von Jürgen Höritzschs Bildern oft einen Haken schlagen, den Betrachter auf eine scheinbar falsche Spur locken, die sich dann doch als die richtige erweist.

Ein zweiter großer Zyklus in dieser Ausstellung sind die Blätter mit Gedichten und Radierungen zur Nacht.

Jürgen Höritzsch hat die Gedichte von Eva Wal nicht illustriert, in dem er die wunderbaren Bilder aufgriff, die die Dichterin in ihren Texten verwendet. Im Gegenteil. Der Künstler fügt den Worten eine Dimension hinzu, die man oft gar nicht in ihnen vermutet – und umgekehrt beschreiben die Worte, was nicht zu sehen ist – denn es sind sowohl Texte nach den Radierungen als auch Radierungen nach den Texten entstanden.

Der grausam gefräßige Mond, der da am Himmel hängt „für die Liebe und sonst nichts“ scheint nicht ins Zimmer des Kindes – das keine Liebe kennt. Der Schneevogel wohnt tatsächlich in einer anderen Welt als der der ärmlichen Katen. Nicht Geister mit Pelzhandschuhen treten auf in einer großen Zeit, sondern Menschen mit merkwürdigen Engelsflügeln, die die Zeit ganz sicher nicht größer machen. Ein Totenfest wird zur Alltäglichkeit, und nicht das Liebespaar, aneinandergewachsen in der Wolfsnacht, tritt auf, sondern eine Mauer, die alle Zweisamkeit und Zärtlichkeit verhindert. Die Wölfe haben sich viele Gesichter gegeben. Und dem „Schrei nach Glück“ droht schon die Schlinge unten im Hexenkessel.

Es sind Bilder von manchmal sarkastischem, fast erschreckendem Humor, hinter dem man eine große, traurige Enttäuschung vermuten kann – darüber, dass der Mensch auf dem Weg zu sich selbst und mit sich selbst kein Stück weiter kommt. Es sind verunsichernde, verstörende Bilder, die den gewohnten Bildformeln eben diese Gewohnheit streitig machen. Hier liegen Terror und Traum noch immer dicht beieinander und eng bei der Angst, die womöglich eine größere Triebkraft der Geschichte ist, als wir uns eingestehen wollen, was auch der Ursprung von Walter Benjamins Vermutung ist, dass Revolutionen nicht die Lokomotiven, sondern die Notbremsen der Geschichte sind – wie man gerade an der Diskussion um das Ende der nicht beherrschbaren Atomenergie verfolgen kann. Nach Tschernobyl war die Angst ja offensichtlich schnell wieder verflogen – und weil das so ist, muss man auch der Angst noch immer Ausdruck verleihen, sie malen, zeichnen, radieren – wenn man sie schon nicht ausradieren kann.

Im Zweifel für den Zweifel – das kommt ebenfalls bei Tocotronic vor – und gegen die Verzweiflung – und für die Bilder von Jürgen Höritzsch, die letztendlich doch Mut machen, dass man Angst besiegen kann.

Chemnitz, 26. Mai 2011

Matthias Zwarg